AIH - mein Tagebuch

2006

 

Nachfolgend möchte ich beschreiben, wie alles anfing, wie es weitergeht. Die nachstehenden Zeilen habe ich während meines ersten Krankenhausaufenthaltes an Weihnachten geschrieben. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich natürlich noch nicht, was mir bevorsteht, welche Diagnose gestellt werden würde - dies passierte erst Wochen später.

 

Mein "schönstes" Weihnachtsfest

 

Nachstehend möchte ich schildern, wie ich mein „schönstes“ Weihnachtsfest erlebte bzw. verlebte, nämlich im Krankenhaus.

 

Zunächst kurz zur Vorgeschichte, wie es dazu kam. Ca. 4-5 Wochen plagte ich mich mit einem permanenten Völlegefühl herum, bis ich mich dann am Montag vor Weihnachten dazu entschloss, endlich zum Arzt zu gehen. Hier wurde dann aufgrund einer Urinuntersuchung festgestellt, dass irgendwas mit der Galle sein müsse. Blut wurde mir abgenommen, und am Mittwoch sollte ich dann wieder da sein, um die Ergebnisse zu erfahren. Am Mittwoch erfuhr ich dann, dass das Blutbild an sich zwar in Ordnung sei, die Werte für Leber, Bauchspeicheldrüse und Galle jedoch wesentlich von der Norm abweichen würden. Empfehlung der Ärztin: ich solle mich umgehend ins Krankenhaus begeben, nicht erst in den nächsten Tage oder gar erst nach den Feiertagen, sondern gleich morgen früh.

 

Der 1. Tag  

Also begab ich mich am Donnerstagmorgen mit der Notfalleinweisung ins Vivantes-Klinikum im Friedrichshain – nüchtern, denn ich dachte, für die Untersuchungen sei das sicher von Vorteil. In der Notfallaufnahme kam ich dann auch relativ schnell dran, es wurde der Blutdruck gemessen, ein EKG genommen, eine Infusionsnadel gelegt und darüber Blut abgenommen, Urin untersucht, geröntgt, Ultraschalluntersuchung. Mir wurde dann mitgeteilt, dass man mich stationär aufnehmen wolle, um noch weitere Untersuchungen durchzuführen. Dem stimmte ich zu und wurde dann auf Station 30 in Zimmer 13 aufgenommen. Kurz danach bekam ich dann einen Zimmernachbarn, ein gleichaltriger Mann, bei dem Blutzucker festgestellt worden war. Zu essen und zu trinken bekam ich noch nichts.

Nachmittags kam dann eine Ärztin zur Anamnese. Ich war schon arg verwundert, dass mein Zimmernachbar das alles mit anhören konnte, ebenso wie ich später seine Anamnese. Wie geht man hier eigentlich mit Datenschutz um, mit Intimität, mit Würde? Und: geht man davon aus, dass jeder Patient ehrlich antwortet, wenn andere zuhören?

Außerdem meinte die Ärztin, ich würde gelb aussehen (meinte später noch mal ein Arzt). Gelb aussehen ist dann gleichbedeutend mit Hepatitis, obwohl ich mit Drogen und Alkohol nichts zu tun habe und auch keine Fernreise unternommen habe. Mein Einwand, dass ich ab und zu auf die Sonnenbank gehe, in der letzten Zeit aber nicht mehr so regelmäßig und dann kann die nachlassende Bräune etwas gelblich werden, wird geflissentlich überhört.

Mir wurde zwischenzeitlich gesagt, dass am Nachmittag noch eine Ultraschall-Untersuchung stattfinden würde. Etwas später dann hieß es, die würde doch erst am nächsten Morgen durchgeführt. Und noch etwas später wurde ich dann zum Ultraschall abgeholt…..

Großartige Ergebnisse brachten diese ganzen Untersuchungen nicht, jedenfalls teilte man mir nichts Entsprechendes mit. Also wolle man am nächsten Tag eine ERCP (endoskopisch retrograde Cholangio-Pankreatographie) durchführen.

Abends bekam ich dann meine erste Mahlzeit, Tee, 2 Scheiben Brot mit etwas Wurst.

 

Der 2. Tag

Kein Frühstück, den ich sollte ja nüchtern sein, ebenso wenig Mittagessen. Um die Mittagszeit wurde ich abgeholt, zunächst wurde eine ausführliche Ultraschall-Untersuchung durchgeführt. Der Arzt entschloss sich danach, keine ERCP durchzuführen, sondern nur eine Magenspiegelung.

Das war es dann auch für diesen Tag an Untersuchungen; mir wurde noch mitgeteilt, dass man immer noch keine greifbaren Ergebnisse zur Ursache hätte und deshalb solle wolle man am nächsten Tag eine Computer-Tomographie (ct) durchführen.

Abends dann die erste Mahlzeit des Tages – wie am Vortag.

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Der 3. Tag

Kein Frühstück, da mir die Schwester sagte, dass ich wegen der ct nüchtern sein müsse. Kurz vor Mittag dann die Mitteilung durch eine Ärztin, dass es wohl an diesem Tag nichts mit einer ct würde – außerdem hätte ich gar nicht nüchtern bleiben müssen….. So bekam ich dann immerhin schon mal Mittagessen. Ansonsten warten, warten, keine Informationen, wann was passiert. Auf meine drängenden Nachfragen hieß es dann, ich wäre auf jeden Fall für morgen für ct vorgemerkt. Die Infusionsnadel, die mir am 1. Tag in die linke Hand gelegt wurde, wird langsam unangenehm.  

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Der 4. Tag, Heiligabend

Es ist noch dunkel, da kommen zwei Schwestern ins Zimmer, um die Betten zu machen. Das von meinem Zimmernachbarn machen sie, dann verlassen sie fluchtartig das Zimmer und lassen die Tür sperrangelweit offen stehen. Wir liegen im Durchzug und ich frage mich, was ich getan habe. Kein Frühstück, die Schwester meinte, ich müsse wegen der CT nüchtern bleiben. Ich weise darauf hin, dass die Ärztin anderes gesagt hat. Also wird die Ärztin geholt, die sagt, ct hätte mitgeteilt, ich müsse doch nüchtern sein….. Auf meine Fragen, wann ich denn drankäme, heißt es, auf jeden Fall heute, ich stehe auf der Liste, auf Abruf. Die Mittagszeit vergeht, natürlich ohne essen und trinken für mich. Eine Schwester kommt und fragt, ob ich etwas zu trinken haben möchte. Ich: ja natürlich, aber ich denke, ich soll nüchtern bleiben? Sie: ach ja, stimmt ja….. Ich frage nach, wann die Untersuchung beginnt – sie verlässt ohne Antwort das Zimmer.

Ein Arzt oder eine Ärztin lässt sich nicht blicken (warum auch, ich bin ja kein Privatpatient), Informationen gibt es nicht. Meinem Zimmernachbarn geht es ähnlich wie mir, auch er weiß nicht, warum und wie lange er hier bleiben muss.

Ich spreche eine freundliche Schwester an, die dann eine ganze Zeit später herausfindet, dass heute keine Untersuchung stattfindet…. Ich bin stinksauer, will einen Arzt sprechen und das Krankenhaus verlassen. Es dauert, aber dann kommt ein Arzt (im übrigen hat man ständig mit anderen Ärzten und Schwestern zu tun – sicher eine Folge des neuen Arbeitszeitgesetzes, macht es aber auch schwierig, mal jemand zu erwischen, der kompetent ist, Verantwortung trägt). Er hört sich meine Geschichte an, gehen lassen kann er mich nicht, aber er setzt sich für einen konkreten Untersuchungstermin ein – dies gelingt ihm dann auch, es soll nun der nächste Tag um 10 Uhr sein. Ob es dann auch klappt?

Endlich bekomme ich was zu essen und zu trinken (ein kleine Wurst, etwas Kartoffelsalat und eine Scheibe Brot – tolles Weihnachtsmahl) – aber am nächsten Tag muss ich wieder nüchtern sein…..

Meine linke Hand und das Handgelenk sind mittlerweile geschwollen und nur noch eingeschränkt bewegungsfähig, Arzt und Schwester haben ein Einsehen und entfernen die Nadel.

Meine Familie und ich sind tieftraurig, dass wir das Weihnachtsfest nicht gemeinsam verbringen können – aber wen interessiert das hier schon?

Zwischenbilanz dieser ersten 4 Tage: meine ursprünglichen Beschwerden sind nicht mehr vorhanden (kein Wunder, da ich ja kaum etwas zu essen bekomme). Trotzdem geht es mir körperlich schlechter, was zum einen an der unzureichenden Ernährung und andererseits am „herumhängen“ auf dem Zimmer liegt – ich bin ja immer auf Abruf und kann kaum etwas unternehmen. Psychisch geht’s sowieso schlecht, hier sitzen und warten, nicht wissen, was man hat, wann und wie es weitergeht, die mangelnde Kommunikation und schlechte Information durch Ärzte und Schwestern (sprechen die sich eigentlich untereinander ab? Gibt es so was wie eine Dienstübergabe oder ein Dienstbuch? Warum weiß der eine nicht, was der andere gesagt und getan hat?). Und so nebenbei habe ich ausgerechnet, dass ich schon 40 Euro an Zuzahlung los bin….

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Der 5. Tag, 1. Feiertag

Der übliche Ablauf, wecken, kein Frühstück, warten auf ct. Irgendwann kommt ein Arzt, der mir eine Infusionsnadel in die rechte Hand setzt. Nun bin ich noch mehr eingeschränkt, da meine linke Hand nach wie vor dick ist und ich sie kaum bewegen kann. Kurz vor 10 Uhr dann die Nachricht, dass ich in die ct-Abteilung gehen könne. Alles zusammen dauert dann eine knappe Stunde, muss einen Liter Wasser trinken, bekomme ein Kontrastmittel eingespritzt, werde durch die Röhre geschoben. Danach sagt mir die Ärztin, dass sie nichts hätte finden können, wonach sie denn eigentlich suchen solle. ?????? Woher soll ich das denn wissen? Na ja, sie wolle sich meine Akte und die Aufnahmen zu Gemüte führen und dann einen Bericht schreiben. Auf der Station wird mir ein verspätetes Frühstück angeboten, aber mittlerweile habe ich auch keinen Hunger mehr und warte lieber auf das Mittagsessen.

Das bekomme ich dann auch, etwas undefinierbar, wie sich dann herausstellt, ist es Fisch, Seelachs. Da kein Arzt und auch keine Schwester kommt, frage ich gegen 14 Uhr nach. Nein, heute würde kein Arzt kommen! Toll, dass man alles immer erst auf Nachfrage erfährt. Ich bestehe darauf, einen Arzt zu sprechen, der dann später auch kommt. Beim ct wäre nichts herausgekommen, keine Gewächse oder sonst irgendwas gefährliches erkennbar. Tja und nun? Wie geht es jetzt weiter? Er sagt, ich wäre doch wegen einer Entzündung ins Krankenhaus gekommen? Ich sage nein und erzähle noch mal die Vorgeschichte mit meiner Hausärztin (liest hier eigentlich keiner eine Krankenakte?). Warum mich denn meine Hausärztin vor den Feiertagen ins Krankenhaus geschickt hätte? Na toll, glaubt der, ich war da so wild drauf, einfach mal so zu Weihnachten ins Krankenhaus zu gehen? Also noch mal die Geschichte, dass meine Hausärztin darauf bestanden hatte, dass ich umgehend ins Krankenhaus gehe und nicht länger warte, da die Werte so schlecht waren.  

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Wann mir denn zum letzten Mal Blut abgenommen und die Werte überprüft wurden (hallo Akte!)? Also, vielleicht könnte ich ja morgen entlassen werden, aber man müsste noch mal die Werte überprüfen. Und außerdem vielleicht noch eine Leberpunktion machen, das ginge dann aber nur an einem Arbeitstag. Danach bin ich so schlau wie zuvor.

Meine linke Hand ist nach wie vor dick; die Schwester, die mir vormittags Salbe und Kühlung versprochen hatte, ward nicht mehr gesehen.

Beim Abendessen (aber hallo, diesmal 3 Scheiben Brot und Geflügelsalat) sinniere ich darüber nach, warum ich eigentlich hier bin; warum geballte ärztliche Kompetenz innerhalb von 5 Tagen nicht in der Lage ist, herauszufinden, woher die abweichenden Werte kommen und eine Diagnose zu stellen.  

Später, ich bin gerade auf dem Gang, kommt ein Arzt auf mich zu und erklärt mir einiges zu dem, was man bisher untersucht hat, was man gefunden bzw. nicht gefunden hat und wie es weitergehen könnte – immerhin mal ein paar mehr Informationen.

 

Der 6. Tag, 2. Feiertag

 

Zum ersten mal erhalte ich Frühstück! Und ich erhalte von dem Arzt vom Vorabend die Mitteilung, dass man mich um die Mittagszeit herum entlassen wird. Sehr erfreulich, allerdings – eine Diagnose, einen Befund gibt es nicht. Ich weiß nur, dass offensichtlich kein Gallenstein oder Tumor gefunden wurde, aber das ist ja auch schon was. Ich werde noch gebeten, am 28.12. zum Abschlussgespräch zu kommen. Das tue ich auch, erhellendes gibt es aber nicht. Die Leberwerte sind wohl etwas gesunken, aber immer noch auf sehr hohem Niveau. Gründe für die hohen Werte bzw. Gründe für das leichte absinken kennt man nicht. Man bittet mich, mich doch Ende Januar in der Endoskopie zu melden, dann wolle man eine Darmspiegelung durchführen, eventuell auch noch eine Leberpunktierung. Und zu meiner nach wie vor geschwollenen Hand: das könne vorkommen, weiterhin kühlen und Salbe draufschmieren (wobei mir der 2. Arzt später noch sagt, dass die Salbe nichts bringen würde und ich solle nur kühlen).

 

Na ja.

 

Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester hatte ich planmäßig Urlaub. War noch ein bisschen schwach vom Krankenhausaufenthalt, aber ansonsten ging es eigentlich recht gut - nichts mehr von den ursprünglichen Beschwerden; nur das Wissen, da sind hohe Werte, die durch irgendetwas hervorgerufen werden, nagte in mir.

 

Fortsetzung