Calbe

Der Name des Ortes Kalbe - jetzt Calbe geschrieben - deutet wohl, wie so viele ähnlich klingende Ortsnamen z.B. Kahla bei Jena, Calau bei Cottbus, Calitzsch bei Jerichow, Kalau im Posenschen u.a.m. auf sehr frühe slavische (wendisch-sorbische) Ansiedlungen, zumal die beiden zuerst genannten und Calbe selber. Diese drei haben eine tiefe Lage, in sogenannten Flußniederungen; speciell gilt dies für die ältesten Theile des betreffenden Ortes.

Kahla bei Jena und unser Calbe liegen beide am Grenzflusse zwischen den Thüringern und Wenden. Mit großer Wahrscheinlichkeit gilt die Forschung Miklosich's auch für diese beiden Orte: Kala (altslavisch) ist = lutum, kal (neuslavisch) = Lache.. kaliste oder calysce (cechisch = palus, kalowe = stagnum.)

Der Name bezeichnet die Eigenschaft, sumpfige Lage, wo es selbst nach späteren Entwässerungen gern feucht ist; Kalowe, gesprochen Kalbe, ist dasselbe wie Kalau oder Kahla.

 

Kreisstadt, hart an der Saale auf dem linken Ufer auf einer geringen Bodenerhebung, welche schon weit stromaufwärts beginnend den Fluß bis unterhalb der Stadt begleitet. Die Stadt erstreckt sich sehr in die Länge, während ihre Breite (von Osten nach Westen) viel geringer ist. Diese lange Ausdehnung wird noch dadurch vergrößert, daß sich unmittelbar an die Stadt im Süden und Norden die beiden Vorstädte, die Bernburger- und die Schloßvorstadt anschließen, welche für sich je eine Dorfgemeinde bilden. Diese Vorstädte lagen außerhalb der befestigungen der Stadt, wie sich deutlich aus den noch vorhandenen Mauerresten erkennen läßt.

Calbe ist ein sehr alter Ort, denn bereits Otto I. schenkte 937, 961 und 965 Zehnte und Güter daselbst an das Moritzstift. In diesen Urkunden heißt Calbe schon "civitas", woraus sich der Schluß auf Befestigungen machen läßt. Jedenfalls ist hier schon von Heinrich I. eine Burg angelegt und eine deutsche Colonie errichtet worden, woraus sich von selbst die Entwicklung der Stadt ergab.

Die Slaven, welche ursprünglich hier saßen, wurden aus dem Mauerringe herausgedrängt und blieben in der südlichen Vorstadt sitzen, wo sie doch noch einigermaassen Schutz fanden. So entstand die bernburger Vorstadt. Die Deutschen fanden bei ihrer Ansiedlung also schon einen von Slaven bewohnten Ort hier vor und also auch einen Namen. Die älteste Form ist Caluo (937), dann Calua, später Caluis von Caluae oder Calui, Calbe.

Dieser ältesten deutschen Ansiedlung gehört auch die Stadtkirche St. Stephani an, denn alle diesem Patron geweihten Kirchen reichen in eine sehr frühe Zeit zurück. Die in der Vorstadt liegende Kirche St. Laurentii ist jedenfalls erst nach 955 gestiftet, wie sonst alle gleichnamigen Kirchen in Sachsen. Ob diese Laurentiuskirche mit einem Kloster verbunden gewesen ist, welches 983 von den Wenden zerstört wurde, oder ob dieses Kloster dem altmärkischen Calbe zuzuweisen ist, ist noch nicht zu entscheiden. Das Patronat über die Stadtkirche hatte später das Kloster Gottesgnaden, welches auch sonst in Calbe begütert war und namentlich aus der Mühle reiche Einnahmen zog.

Calbe muß aber gerade im 12. Jahrhundert einen großen Aufschwung genommen haben, denn in den Kriegen zwischen Philipp von Schwaben und Otto IV. wird es zweimal zerstört (1180 und 1204) und 1215 vom Kaiser Otto selbst vergeblich belagert. Nachher ist es eine der bedeutendsten Städte des Erzstifts, welche auch 1325 mit in den Bund gegen den Erzbischof Burchard III. aufgenommen wurde.

In demselben Jahrhundert (1363) baute Erzbischof Dietrich das Schloß, welches von nun an ein Lieblingsaufenthalt der Erzbischöfe und vielfach zur Abhaltung von Landtagen benutzt wurde. Durch den unglücklichen Fastnachtstanz auf dem Rathause, bei welchem der erwählte Erzbischof Ludwig seinen Tod fand, ist der Name des Schlosses damals in weiten Kreisen bekannt geworden. In dem Streite zwischen Erzbischof Günther und den Magdeburgern wurde Calbe von diesen erobert, nachdem Günther die Bürger feig im Stiche gelassen hatte (16. Oct. 1433). Ein Turm des Schlosses wurde in die Luft gesprengt, nachdem man noch vorher den dort gefangen gehaltenen Priester aus Wardenberg, welcher einen Wunderblutschwindel hatte in Scene setzen wollen, befreit hatte.

Die Reformation wurde in Calbe 1542 eingeführt; am Sonntag nach Frohnleichnam wurde die erste deutsche Messe gehalten und das Abendmahl unter beiderlei Gestalt von dem Geistlichen Konrad Hamer ausgetheilt. Von den weiteren Schicksalen der Stadt bis zum 30jährigen Kriege ist wenig bekannt. Am 12. Oct. 1625 wurde es von Wallenstein besetzt und geplündert, nachdem es sich ohne Widerstand ergeben hatte. Schlimmer erging es der Stadt 1630, wo sie von 750 Mann erzstiftischer Truppen verteidigt und nach mehrmaligen Stürmen genommen wurde. Der größte Teil der besatzung und eine große Zahl Bürger wurden getödtet, die Stadt nebst der Kirche geplündert. Von den Schweden unter Baner wurde Calbe am 18. Januar 1636 ausgeraubt und hatte auch sonst vielfach durch die Gewaltthätigkeiten der durchmarschierenden Truppen zu leiden. In den Friedenszeiten erholte es sich schnell wieder und nahm besonders einen Aufschwung durch die Einwanderung der Pfälzer 1687, welche die Tuchmanufaktur mitbrachten, welche noch heute in ausgedehntem Maassstabe mit bestem Erfolge betrieben wird. Im siebenjährigen kriege wurde die Stadt einige Male von feindlichen Streifcorps (1760 von Würtembergern) in Contribution genommen und in den Napoleonischen Kriegen hatte sie gleichfalls viele Unbilden zu ertragen, obwohl sie 1808 westfälisch geworden war.

Von großen Bränden wurde Calbe mehrere Male heimgesucht, unter denen der vom 6. März 1682 der bedeutendste war. Am südlichen Ende der Breite war das Feuer aufgekommen und verbreitete sich, da es erst spät bemerkt wurde und ein heftiger Südwind wehte, mit großer Schnelligkeit über die Stadt. 84 Häuser in der Stadt und 25 in der Schloßvorstadt sanken in Asche. Ein anderer großer Brand am 23. Oct. 1713 legte fast die ganze Schlossstrasse, 47 Häuser, 12 Nebengebäude und 44 gefüllte Scheunen in Asche. Dies macht erklärlich, daß in Calbe alte Häuser gar nicht mehr vorhanden sind. Auch durch Ueberschwemmungen hatte die Stadt hin und wieder, wenn auch wegen ihrer hohen Lage nicht empfindlich, zu leiden.

Die Lage der Strassen ist gegen die frühere Zeit nicht geändert, nur sind die Namen andere geworden. Die alte "Hauptstrasse" heißt jetzt "Querstrasse", die "Breite" hat ihren Namen behalten, die "Poststrasse" hiess früher "Ritterstrasse", die jetzige "Ritterstrasse" hiess "Herrenstrasse", die "Tuchmacherstrasse" hiess "Judenstrasse" und weiter unten "Oelstrasse", die "Schlossstrasse" und "Bernburgerstrasse" haben ihre Namen nicht geändert. Schon 1160 wird der "neue Markt" erwähnt, welcher noch oft neben dem "alten Markt" vorkommt. Der neue Markt ist der jetzige Marktplatz, der alte der Platz vor dem jetzigen Amtsgericht. Von den Gassen sind nur einige alte Namen erhalten und diese hat man leider jetzt durch recht geschmacklose neue verdrängt; so die Federpfütze (dieser Name kommt als 'Federputze' schon im 16. Jahrh. vor. Dort soll sich der Sage nach ein Gespenst ohne Kopf, das Reitermännlein, gezeigt haben), die Rosmariengasse, Badergasse, Kuhgasse, Rossgasse.

 

Aus: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Calbe; Halle a.d.S. 1885

 

Calbe/Saale, Stadt im Kr. Schönebeck, Bez. Magdeburg, DDR, am Rand der Magdeburger Börde, an der Saale, (1985) 14000 Ew.; Metalleichtbaukombinat, Bau von Förderanlagen, elektrotechn. Industrie, Herstellung von Gelatine, Wolldecken und Konserven; in der Umgebung Gemüsebau.

 

Aus: Brockhaus Enzyklopädie, neunzehnte Auflage

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